Vorwort
Wohin fuhren früher die Güterwagen im Einzelwagenverkehr? Neben den Kunden, die an der Ladestraße im Bahnhof ihre Ware empfangen oder verladen haben gab es eine Vielzahl von sogenannten Privatanschlüssen. Ein Werk, Betrieb oder Lager hatte eine Weiche und ein Gleis, auf dem die Wagen bereitgestellt wurden. Auch bei der WLE gab es einige dieser Anschlüsse. Viele eigenen sich für den Nachbau auf einem Modul.
Die Westfalen Gas AG

Das Unternehmen wurde am 11. Oktober 1923 in Münster als Sauerstoffwerke AG gegründet. Es wurde 1924 mit gebrauchten Maschinen die Herstellung von Sauerstoff für das Autogenverfahren aufgenommen.
Ab 1925 wird neu der Betriebszweig „Westfalen Kraft- und Schmierstoffe“ eingerichtet und 1927 die erste Tankstelle unter der Marke Westfalen in Münster eröffnet.
Anteilseigner war auch die Stadt Münster, die der jungen AG ein Grundstück zwischen den Bahngleisen der Reichsbahn und der Westfälischen Landeseisenbahn aus ihrem Bestand überlies. Auf diesem wurde ab 1936 die Produktion aufgenommen und die Firmierung in „Sauerstoffwerk Westfalen AG“ geändert.
Ab 1944 wird ein Acetylenwerk in Sendenhorst am Bahnhof eingerichtet und die Hauptverwaltung nach dort verlegt.
Im Jahr 1954 wird für den neuen, dritten Betriebszweig „Flüssiggas“ ein neues Werk in Gremmendorf bei Münster errichtet. Hier erfolgt die Umfüllung von Raffinerie-Gas (Propan, Butan) in Stahlflaschen. 1956 wird das Acetylenwerk von Sendenhorst ebenfalls auf das Gelände in Gremmendorf verlegt.
In diesem Jahr wird das Werk in Gremmendorf an die nah vorbei führende WLE – Strecke Münster – Neubeckum angeschlossen.
Der Anschluß

Exkurs: Über den anderen Anschluß mit dem handschiftlichen Hinweis „abgebaut?“ ist nichts in den Unterlagen der WLE zu finden. In den 1940er Jahren soll dort Munition produziert worden sein. Allerdings gibt das Einwohnerbuch der Stadt aus dem Jahr 1950 darüber Auskunft, dass an der Adresse der eingezeichneten Lagerhalle (Paul-Engelhard-Weg) sehr viele Menschen mit Berufen aus der Holzverarbeitung gemeldet sind. Neben den vielen Zimmermeistern, Tischlern und anderen Bauarbeitern sind hier auch die Firma „Mügre, Vertrieb von Leichtbauplatten“ und die Kartonagenherstellung von Antonia Severing ansässig. Auch ein Fuhrunternehmen soll ansässig gewesen sein.
Für die Bevorratung von Gasen werden vorerst drei liegende Tanks errichtet.


In den Jahren 1964 und 1965 wurden Mehrfamilienhäuser für Mitarbeiter auf dem Werksgelände errichtet, 1966 wird die Lagerkapazität erweitert.



Exkurs: Acetylen, auch Schweißgas genannt, wird aus Karbid hergestellt. Diese Chemikalie reagiert besonders stark mit Wasser und wurde daher in besonderen Behältern in kleinen Mengen transportiert. Modelle dieser Behälter werden im 3-D-Druck in Kleinserie von Heinz Hoffmann (Mittelstadt TV) hergestellt und angeboten.

Die Bedienung
Die Zustellung zum Anschluß erfolgte vom Bahnhof Münster Ost aus. Hierfür kam die fabrikneue VL 0611 zum Einsatz. In späteren Zeiten, beim Einsatz von Dampfloks im Rangierdienst in Münster Ost, wurden die Zustellfahrten so verlegt, daß die andere in Münster Ost stationierte Diesellok eingesetzt werden konnte.
Bis etwa 1975 wurden die Wagen für Westfalen hauptsächlich in Münster von der DB übergeben. Leere Wagen wurden auch in Neubeckum an die DB zurückgegeben. Nach 1975 erfolgte die Übergabe in Neubeckum, die Güterzüge fuhren aber zum Umsetzen und „langmachen“ bis nach Münster Ost und bedienten auf der Rückfahrt den Anschluß.
Im Buchfahrplan von 1963 sind die zwei Fahrten täglich von Münster zum Sauerstoffwerk verzeichnet. Zwischen den Sperrfahrten und der Rückfahrt nach Münster wurden in Gremmendorf die leeren Wagen umfahren.
Diese zwei Bedienfahrten täglich waren bis zum Ende des Lokeinsatz in Münster Ost Anfang der 1980er Jahre vorgesehen.

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Die Wagen

Ein prägendes Merkmal von WestfalenGas sind die eigenen Druckgas Kesselwagen. Bislang sind 30 Wagen bekannt. Aber diese Auflistung beginnt mit Lieferungen der Firma Brünninghaus im Jahr 1968, der obige Wagen gehört zu dieser Serie. Da aber auf den Fotos aus den 1960er Jahren auch schon Wagen in der Privatlackierung zu sehen sind werden es deutlich mehr sein.
Vielleicht findet sich unter den Lesern dieses Beitrags ein Spezialist, der sich an eine Bestandsaufnahme der Privatwagen begibt. Weitergeben können wir die Ergenisse hier gerne.


Das Ende


In den Jahren seit 1956 wuchs die Wohnbebauung in Gremmendorf rund um das Werk zu einem Stadtteil. So wurde im bereits bestehenden Tanklager in Münster – Gelmer ein neues Werk aufgebaut. Hier besteht Anschluß an den Dortmund-Ems-Kanal, aber nicht mehr an die Bahn.
Nach Inbetriebnahme der neuen Produktion wurde das Werk in Gremmendorf geschlossen und das Grundstück der Stadt Münster zur Verfügung gestellt. Es wurde ein Bebauungsplan für Wohnhäuser und eine weiterführende Schule erstellt.


Kurz nach der letzten Fahrt wurden auch die Gleise und die Anschlußweiche entfernt. (Foto: Matthias Forthaus)
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Quellen
Der Westfalen Reporter, 25/1966, Sammlung T. Günther
Stadtarchiv Münster, diverse Digitalisate
Sammlung Christoph Riegel
Archive WLE, Lippstadt und Soest
Diverse Netzfunde