Der ungebaute Güterschuppen

Vorwort

Bei der Sammlung von Unterlagen, Bildern und Informationen kommen immer wieder Dinge zu Tage, die man nicht für möglich gehalten hätte. In diesem Beitrag soll es um den Güterschuppen in Belecke gehen, der so nicht gebaut wurde.

Der Bestand

Im November 1883 wurde die Strecke von Lippstadt nach Warstein eröffnet und Belecke erhielt einen kleinen Bahnhof an der Brücke über die Möhne. Bald wurden die Gleisanlagen zu klein und sollten erweitert werden. Durch die Planungen für die Möhnetalbahn wurde diese Erweiterung nicht durchgeführt, sondern der ganze Bahnhof an einer anderen Stelle neu erbaut. Er bildete nun den Kreuzungspunkt zwischen der Stammbahn und der Möhnetalbahn. Im Rahmen der neuen Anlage wurde auch ein neues Empfangsgebäude nach dem Stil der Bahnhöfe auf der Möhnetalbahn errichtet.

Das neue Empfangsgebäude 1902 (Foto: Archiv WLE)

Neben den Diensträumen und einer Bahnhofswirtschaft wurde auch ein kleiner Güterschuppen errichtet. Die auf dem Foto von 1902 vorhandenen Vorbauten sollten die Räume im Bahnhof vor der kalten Witterung schützen. Einen „Windfang“ hinter der Eingangstür war nicht vorhanden.

Auf der Straßensite sollte bald ein Anbau vor dem gesammten Gebäude den Winter vor der Tür lassen. In diesem Plan sind erste Ideen zur Erweiterung des Bahnhofsgebäudes 1910 eingezeichnet (Archiv WLE)

Die hier rot eingezeichnete Erweiterung des Bahnhofsgebäudes von 1910 zeigt schon das Erscheinungsbild des bis heute erhaltenen Bahnhofs (Archiv WLE)

Die Größe des Güterschuppens entsprach der von den anderen Stationen der Möhnetalbahn. Zu der Zeit vor dem ersten Weltkrieg war die Gegend, mit Außnahme des Westertals, nicht besonders industrialisiert. So reichten die kleinen Güterböden für den anfallenden Stückgutverkehr. Auch Expressgut und Gepäck wurde hier abgewickelt.

Bahnhof mit der Belecker Oberstadt etwa 1930 (Foto: Verlag Grobbe, LWL Medienzentrum 20_192)
Ausschnitt aus der obigen Postkarte

Auf diesem Ausschnitt ist die Rampe zum Be- und Entladen der Stückgutwagen und das geöffnete Schuppenpentor zu erkennen. Am Bahnhof ist nur noch ein „Wettervorbau“ vorhanden.

Ausfahrt des Personenzuges nach Brilon etwa 1930 (Foto: Archiv WLE)

Auch auf diesem Bild ist die Rampe am linken Bildrand zu sehen.

Ausschnitt aus dem Gleisplan vom 8. Oktober 1931 (Archiv WLE)

Auf diesem Gleisplan ist die eigentümliche Anlage von Güterschuppen und Rampe deutlich erkennbar. Der Abstand des „Schuppengleises“ beträgt 7,0 m vom Gleis 1. Auffallend ist das eingezäunte Gelände zwischen Rampengleis und Provinzialstraße. Auch die gestrichelt dargestellten Grundstücksgrenzen quer über den Ausschnitt verdienen Beachtung.

Aufnahme vom 20. Juni 1938 (Foto: Archiv WLE)

Dieses Bild stammt aus einer Eingabe des Touristikvereins Belecke an die WLE mit einigen Vorschlägen zur Verbesserung der Situation für die Fahrgäste. Noch ist am Empfangsgebäude die Wetterhütte vor dem Eingang zum Dienstraum vorhanden. Die Hütte links daneben ist die Bahnsteigsperre, ein Unterstand für den Mitarbeiter, der die Fahrkarten kontroliert.

Die Entfernung der Rampe zum Gleis 1 würde Ladetätigkeit an einem dort stehenden Güterwagen zulassen. Auf die Rampe selbst führt nur ein einfaches Auffahrtblech für die Sackkarre.

Gleisplan Personenbahnhof 1949 (Sammlung Riegel)

Dieser verzerrte Gleisplan zeigt den gesamten Personenbahnhof. Es ist eine Ladestraße am Schuppengleis 6 ausgewiesen.

Lageplan etwa 1952 (Archiv WLE)

Dieser Plan zeigt noch einmal die besonderen Grundstücksgrenzen vor dem Gebäude. Er wurde anläßlich der Planung für eine neue Toilettenanlage (rot im Plan) gezeichnet.

Güterschuppen und Garten 1950 (Foto: Heimatverein Belecke)

Auf diesem Foto ist der Vorbau an der Straßenseite des Gebäudes von 1910 gut zu sehen. Auch zeigt sich hier die auf dem Plan von 1931 vorhandene „Gartenfläche“. Wo der Schuppen hinter dem Schild „Parken verboten“ genau steht ist leider nicht zu erkennen. Vielleicht auf einer Verlängerung der Rampe zum Bahnübergang hin?

Ausschnitt aus dem Gleisplan 1958 (Sammlung Riegel)

Ein letzter Blick auf den vorhandenen Bestand.

Planungen für einen Neubau

Mit dem beginnenden westdeutschen Wirtschaftswunder nahm auch die Industrialisierung auch im Raum Belecke Fahrt auf. Nicht nur brach liegende alte Fabriken (siehe Beiträge „Anschlüsse an der Provinzialstraße“) wurden neu belebt, auch gänzlich neue Industriestandorte (Siepmann, AEG Halbleiter) wurden geschaffen. Die meisten Rohwaren oder die Fertigprodukte dieser Unternehmen wurden als Wagenladungen in die Anschlüsse gefahren. Aber Klein- und Ersatzteile, Produkte für das zuliefernde Gewerbe und das Handwerk vor Ort wurden als Stückgut transportiert. So wurde im Juni 1952 der Neubau einer größeren Güterhalle für Belecke beschlossen. Zeichnungen wurden erstellt und am 3. März 1953 wurde der Bauantrag eingereicht.

Es sollte in Klinkerbauweise zum Bahnhof passend gebaut werden. Das Gleis 6 sollte näher an die anderen Gleise heranverlegt werden, um an der Güterhalle für eine Rampe für zwei normale geschlossene Güterwagen Platz zu schaffen. Die Dachbinder sollten in Stahl ausgeführt werden, wofür auch bald bei Windhoff in Rheine Angebote angefordert wurden.

Am 8. April 1953 !! wurde der Bauschein erteilt. Dieser enthielt aber den Hinweis, dass mit dem Eigentümer des zu überbauenden Grundstücks vor Baubeginn Einigung erzielt werden müsse. Dieses Grundstück, quer über die Einfahrtsweichen des Bahnhofs gelegen, gehörte der Provinz Westfalen, jetzt dem Landschaftsverband. Auf den alten Plänen war dieses Grundstück deutlich eingezeichnet (s. oben). Auf dieser Fläche hatte vor dem Bau der WLE die Chaussee von Minden nach Koblenz gelegen. Diese wurde beim Bau der WLE in vielen Bereichen mit benutzt. Beim Neubau des Bahnhofs 1898 für die Möhnetalbahn wurde nicht weiter auf die Grundstücksgrenzen Rücksicht genommen.

Nun begann ein längerer Austausch mit dem Landschaftsverband über Verkauf, Grundstückstausch oder andere Möglichkeiten des Ausgleichs. Zeitgleich wurde vom Bahnhofsvorstand in Belecke der schlechte Zustand der bestehenden Laderampe angemahnt. Also wurde dieser erstmal renoviert und die Rampe auch wohl verlängert.

Es war absehbar, dass in den nächsten Jahren (ab 1957) die Personenzüge auf der Möhnetalbahn durch Omnibusfahrten ersetzt werden würden und der Platz neben dem Bahnhof zu einer Art Busbahnhof umgestaltet werden sollte.

Planung zur neuen Güterhalle 1952 (Archiv WLE)

Dieser Plan mit dem Grundriss der neuen Güterhalle am Gleis 6 enthält schon den Vermerk „ist zu klein“ am Busbahnhof. Als die Verhandlungen über den Grundstückstausch abgeschlossen waren, war so viel Zeit vergangen, dass die Baugenehmigung abgelaufen war.

Ein neuer Versuch, mit mehr Erfolg

Da mit der Umstellung der Personenzüge auf Busse auch die Kreuzung von vier Zügen aus allen Himmelsrichtungen im Bahnhof entfallen würde, wurde neu geplant. Das bestehende Gleis 1 wurde zum Güterschuppengleis und die Halle bekam einen eher quadratischen Grundriss. Am 28. März 1958 wurde ein neuer Bauantrag gestellt. Er wurde genehmigt mit dem Hiweis, dass die Aussenflächen verputzt und gestrichen werden sollten.

Die Güterhalle und auch die Rampe wurden unterkellert um dort die Werkräume der Bahnmeisterei unterzubringen und die alten Schuppen am Wasserturm entfernen zu können.

Planung vom Oktober 1957 (Archiv WLE)

Das gesammte Bahnhofsgebäude wurde renoviert und teilweise umgebaut. In der alten Güterhalle fanden die Diensträume ihren Platz. In dem sich neu ergebenden Flur wurde Fahrkartenausgabe und Bahnsteigsperre vorgesehen und auch die Gaststätte wurde umgebaut. Der im Plan vorgesehene Einbau eines großen Blumenfensters im Gastraum mit Blick auf die Bahnsteige unterblieb aber.

Der Neubauplan 1958 (Archiv WLE)

In einem Schreiben bezüglich der Abrechnung des Hochbaus am 5. Mai 1959 wurden einige Dinge noch bemängelt. So wurden im Juli 1960 noch Träger unter der zu schwachen Laderampe an Gleis 1 angebracht. Am 20. Juni 1961 wurde aber die Akte zum Umbau von Büros und Gaststätte mit einer Abschlußnotiz geschlossen.

Am 3. September 1966 im Rahmen einer Sonderfahrt (Foto: Schwerdtfeger, Kreisarchiv Stormarn)

Die Rampe mit dem Keller und dem „Busbahnhof“.

Ebenfalls 1966 rangiert VL 0622 an der Güterhalle (Foto: Frenz, Sammlung EFW)

Noch 1969 wurden im Güterschuppen Belecke 17.900 Sendungen mit einem Gesamtgewicht von 2.591 Tonnen verladen. Das sind etwa 60 Sendungen pro Betriebstag mit einem durchschnittlichen Gewicht von 145 kg pro Sendung. Diese durchschnittlich etwa 8,7 Tonnen pro Tag lasteten einen Güterwagen zwar nicht aus, waren aber für den damaligen Stückgutverkehr „auskömmlich“.

Am 12. Mai 1973 sind die Eisenbahnfreunde Hannover in Belecke (Foto: Frenz, Sammlung EFW)

Es ist Samstag Nachmittag, vielleicht ist deswegen die Bundesstraße so leer?

Im Sommer 1974 rangiert VL 0641 den Ng nach Brilon zusammen (Foto: Kappel)

Nach der Umstellung der Bundesbahn auf 1000 Stückgutbahnhöfe zum 1. Juni 1970 wurden auch Rüthen, Altenrüthen, Drewer, Sichtigvor, Allagen und Niederbergheim von Belecke aus per Lkw mit Stückgut beliefert. Zum 1. Juni 1974 wurde die Stückgutabfertigung auf den Bahnhof Warstein übertragen und wenig später die Güterhalle an den örtlichen Landhandel vermietet.

Am 17. April 1980 fährt VL 0634 mit einem Steinzug durch Gleis 1 (Foto: Archiv WLE)

Quellen

Sammlung Riegel

Archive WLE in Soest und Lippstadt

Heimatverein Belecke