Münster (2)

Vorwort

Wohin fuhren früher die Güterwagen im Einzelwagenverkehr? Neben den Kunden, die an der Ladestraße im Bahnhof ihre Ware empfangen oder verladen haben gab es eine Vielzahl von sogenannten Privatanschlüssen. Ein Werk, Betrieb oder Lager hatte eine Weiche und ein Gleis, auf dem die Wagen bereitgestellt wurden. Auch bei der WLE gab es einige dieser Anschlüsse. An einigen Orten wurde ein Gewerbe- oder Industriegebiet über ein Stammgleis erschlossen. Für den Nachbau auf einem Modul sicher zu groß, aber als zusammenhängendes Gewerbegebiet im FREMO geübte Praxis. Viele eigenen sich für den Nachbau auf einem Modul.

Die Loddenheide

Ab 1822 begann die Aufteilung des freien Geländes im Südosten der Stadt Münster. Ein etwa 420 Morgen (etwa 1 qkm) großes Areal wurde dabei 1827 an das preußische Militär zum Preis von 10.500 Reichstalern verkauft. Es entsprach ungefähr dem heutigen Areal der Loddenheide. Bis auf die Schießstände war das Gelände jedoch weiterhin für die Allgemeinheit offen. Im Sommer 1836 fand auf dem Exerzierplatz das erste Pferderennen in Westfalen statt, die Rennen sollten bis zum Jahr 1897 regelmäßig stattfanden. Das preußische Militär erwarb 1906 im Norden von Münster ein neues, größeres Übungsgelände. So kam es danach zu einer intensiveren Nutzung durch die Bevölkerung.

Auch in Münster kamen Gedanken auf, sich fliegerisch zu betätigen und einen Luftsportverein zu gründen. Erste Testflüge fanden 1910 auf der Loddenheide statt. Der erste Flugtag fand im Juni 1911 statt und in den Folgejahren etwickelten sich diese Flugtage zu einem wahren Volksfest mit Tanz und Jahrmarkt, bei denen auch Luftschiffe der Zeppelinflotte öfter zu Gast waren. Unterbrochen durch den Weltkrieg und die Nachkriegszeit wurde wieder Flugbetrieb auf der Loddenheide geplant. Erste Linienflugzeuge landeten hier, waren aber wirtschaftlich nicht erfolgreich. Nachdem erst 1929 eine Flughafen Münster GmbH gegründet wurde wurde 1930 der Flugbetrieb auf Beschluß des Magistrats der Stadt eingestellt. Das letzte große Flugfest fand am 15. Juni 1930 mit dem Besuch des Luftschiffs „Graf Zeppelin“ und über 100.000 Zuschauern statt.

Die höhengleiche Kreuzung des Albersloher Weg mit der WLE Strecke 1930 (Luftbild: Katasteramt Münster)
Flugfest 1930 (Foto: LWL Medienzentrum)

Ab 1933 beanspruchte die Reichswehr das Gelände für einen Fliegerhorst. Die militärische Nutzung setzte sich nach dem Krieg durch die britische Rheinarmee fort, welche 1993 aus den letzten Gebäuden auszog.

Schon 1935 zeigen die Arbeiten der Reichswehr Veränderungen. Für den Gleisanschluß zum „Flughafen“ konnten jetzt aktuell Unterlagen gefunden werden. (Luftbild: Katasteramt Münster)

Das Stammgleis bis 1955

Der Anschluß Loddenheide etwa 1950 (Archiv WLE)

Seit 1903 führte die Strecke der WLE auf der anderen Seite der Landstraße nach Albersloh an der Loddenheide vorbei. Wie oben im Luftbild zu sehen ist 1935 ein Anschluß auf die Loddenheide für die Luftwaffe angelegt worden. Aber auch ein „offizieller“ Anschluß führt auf die Loddenheide.

Im Jahr 1954 hat die Brittische Rheinarmee die Loddenheide als Standort übernommen und einige Gebäude errichtet. Rechts unten im Bild ist die Straßenkreuzung Albersloher Weg / Heumannsweg zu erkennen, links neben den Albersloher Weg sehr hell die wohl neue Verladerampe am Ende des Ladegleises. Die Kreuzung des Anschlußgleises über den Albersloher Weg ist im Straßenbelag weiter entlang des hellen Feldes zu erahnen. (Luftbild: Katasteramt Münster)

Dieser Anschluß wurde nach dem Krieg auch für Manöverzüge genutzt, wie hier im Herbst 1954. (Sammlung Riegel)

Im Winter 1954 / 1955 wird für die Umgehungsstraße (B 51) eine Brücke im Damm der WLE Strecke eingebaut (siehe Münster (1)). Zu diesem Zeitpunkt wird die Zufahrt zum Stammgleis neu angelegt.

Nach 1955

Dieses Gleis führt etwa in der Lage des Flughafengleises von 1935, nun aber vom Damm der Strecke hinab, an die Westseite des Albersloher Weg. Für einen nicht realisierten Unteranschluß gibt es eine Planvorlage.

Planung für einen Unteranschluß etwa 1965. An der Straße „An den Loddenbüschen“ gibt es noch umfangreiche Schrankenanlagen. (Archiv WLE)
VL 0636 fährt im September 1977 mit einem leeren Kühlwagen zurück nach Münster Ost, im Vordergrund das Streckengleis. (Foto: Riegel)
Am 8. Juli 1970 ist DL 0031 mit der Übergabe am Bahnübergang „Loddenbüsche“ angekommen. Der Zugführer hat die hier benötigten Wagen (Kühlwagen für Ratio, 1 R-Wagen für Filterbau) abgehangen und kommt nun vor, um den Überweg zu sichern. (Foto: Kappel)
Die Kunden am Gleis: 1 Standard Filterbau (s. u.), 2 Terfloth und Snoek Großhandel, 3 Ratio Großmarkt, 4 Ratio Kaffee, 5 Central Import

Die Ratio Gruppe, eine Beschreibung:

Im Jahr 1943 tritt Egbert Snoek als Lehrling in die Dienste des Lebensmittelgroßhändlers Terfloth in Münster. Besonders durch seine Arbeit kann die Firma eine Insolvenz und die Nachkriegszeit bis zur Währungsreform überstehen. 1947 wird auf der Loddenheide ein Lagergebäude (2) zum Firmensitz (siehe auch Plan 1950 oben). Es werden Lebensmitteleinzelhändler in der nahen und weiteren Umgebung mit haltbaren Waren beliefert, die Firma wächst. Aber 1952 führt Snoek für seine Kunden das „Ratio – System“ ein. Es werden nur noch Aufträge von mindestens 1000 DM zur Auslieferung angenommen, dieses aber mit besonders günstigen Preisen belohnt. Eine Revolution, die sich aber schnell durchsetzt. Auch mit einem anderen Konzept schreibt Snoek Geschichte: 1957 wird in Bochum am Ruhr Schnellweg (B 1) der erste deutsche Cash & Carry Großmarkt unter dem Namen Ratio eröffnet. Der Einzelhändler (oder andere ausgewiesene Gewerbetreibende) kommt in die Verkaufräume, stellt seine Ware selber zusammen und bezahlt diese bar. Schnell verbreitet sich diese Vertriebsform in Deutschland und 1962 wird der Ratio Großmarkt (3) in Münster eröffnet. Bereits 1960 wird für die Abwicklung von Importen von Lebensmittel in Konserven oder auch Nüssen die Firma Central-Import (5) gegründet. Auch eine Kaffeerösterei (4) gehört bald zum Konzern. Für alle diese Firmenteile werden in den 1960er und 1970er Jahren fast täglich Güterwagen mit Waren durch die WLE zugestellt.

Als weitere Neuerung wird dann noch 1963 der erste Ratio Markt für Endverbraucher in Münster eröffnet. Hier gibt es keine Lebensmittel, sondern nur „Non-Food“, denn zum einen will Snoek seinen Einzelhandelskunden keine Konkurenz machen, zum Anderen können diese Einzelhändler Einkaufsscheine an ihre Endkunden verteilen und erhalten auf die Einkäufe der Verbraucher im Ratio-Markt einen Bonus von 4 % des Warenwertes. Das SB-Warenhaus oder auch der Verbrauchermarkt hält in Deutschland hiermit einzug.

Die beiden Wagen aus dem vorigen Bild sind zugestellt, nun geht es zurück auf die Strecke um zu Westfalengas in Gremmendorf zu fahren (Foto: Juli 1970, Kappel)
Am 7. August 1967 gibt es noch die Schrankenanlage an der Straße „An den Loddenbüschen“ als DL 0032 einen Gemüsewagen (offene Lüfterschieber!) zustellt (Foto: Löttgers, Archiv WLE)
Ein paar Jahre später ist die Ampelanlage an der Kreuzung für die Sicherung des Übergangs eingerichtet. Blick aus dem Führerstand der VL 0636. Links zu erkennen hinter dem BÜ: der Ratio Großmarkt (3), das helle Lagergebäude von Terfloth und Snoek (2) und vor den Bäumen im Hintergrund der Kran vom Filterbau (1)

Die Bedienungsbeschreibung für die BÜ Sicherung im Buchfahrplan von 1974 (Sammlung Riegel)

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Früh morgens im Sommer 1971 wartet VL 0651 neben der Kaffeerösterei (4) auf das Sh1 (Foto: Kappel)
Auch Leihlokomotiven kamen auf der Loddenheide zum Einsatz, V22 der KBE an einem Nachmittag im September 1972 (Foto: Kappel)
Im September 1977 bringt VL 0636 noch einen Kühlwagen, im Hintergrund vor dem BÜ das W-Signal (Foto: Riegel)
Aus meinem Bürofenster im ersten Lehrjahr, Blick über den Parkplatz des Ratio Großmarktes. Auch an der Betonmauer wurden Wagen bereit gestellt. Dann wurden Früchte steigenweise oder Persil 10 kg Trommeln „ab Waggon“ verkauft. (Foto: August 1977, Riegel)

Standard Filterbau / Hazemag

Filteranlagen für die Industrie wurden hier gebaut und verladen. (Netzfund)

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VL 0613 steht im März 1975 mit mindestens einem Wagen vom Filterbau bereit für die Rückfahrt nach Münster Ost (Foto: Kappel)

Britische Rheinarmee

1976 starten VL 0636 und DE 0902 mit einem beladenen „Panzerzug“ (Dgm) von der Laderampe. Herausfordernd ist die Steigung in der Kurve hoch zur Brücke über die Umgehungsstraße (Foto: Kappel)

Vor der Weichenspitze des Stammgleises bis an die Kreuzung Heumannsweg lag ein langes, gerades Gleis auf dem die Flachwagen für die Militärfahrzeuge und die Personenwagen für die Mannschaften bereit gestellt wurden. Nicht nur die Rheinarmee aus den diversen Kasernen in Münster verlud hier, sodern auch die Bundeswehr aus Handorf. Für alle ging es auf Rad und Kette erstmal zum Albersloher Weg.

Die Fahrzeuge sind schon verladen, die Soldaten warten noch auf ihre Personenwagen. VL 0635 kommt vom vorherigen Dgm am 23. März 1978 als Leerfahrt aus Neubeckum zurück. (Foto: Riegel)
Die Personenwagen kommen (Foto: Riegel)

Die besondere Reihung (Lok – Personenwagen – Lok) ergibt sich dadurch, daß nach Kopf machen ab Münster Ost der Dgm von der DE 0901 befördert wird und die Personenwagen wegen der Zugheizung hinter der Lok laufen sollen. So wird doppeltes Umlaufen in Ost vermieden.

1987 hat sich bereits einiges verändert: Am Central-Import liegt kein Gleis mehr und das Panzergleis wurde verkürzt aber auf zwei Paralellgleise erweitert (Archiv WLE)
Und wieder warten auf „2 weiße“ im August 1978 (Foto: Stöver)

Quellen

Sammlung Christoph Riegel

Archive WLE, Lippstadt und Soest

Für die Luftaufnahme des Katasteramtes der Stadt Münster: Vervielfältigt mit Genehmigung des Vermessungs- und Katasteramtes der Stadt Münster vom 10.02.2026 Kontrollnummer: 6222-26-00434

„Reich durch Ratio“, ZEIT 03/1972, 21. Januar 1972