Liesborn

Gelegen an der zweiten Hauptstrecke der WLE (Strecke Lippstadt — Beckum) ist er der erste Bahnhof nach dem Stadtgebiet von Lippstadt.

Nach der Eröffnung der Strecke 1899 siedelten sich Betriebe am Bahnhof oder in seiner Nähe an. Einen besonderen Aufschwung von Ansiedlungen ist ab 1911 zu verzeichnen.

Ergänzung um einen Feldbahnanschluß, 1903 (Kreisarchiv Soest)

Ab dem 17. Februar 1912 ist der Bahnhof wieder von einem WLE Bediensteten besetzt, nachdem über 2 Jahre der Bahnhof Wadersloh vorgesetzt war und der BAhnhofswirt die Fahrkarten verkaufte.

Gleisplan aus den 1950er Jahren (Sammlung Riegel)

Besonders interessant ist der Bahnübergang an der Kreuzung neben der Molkerei, in diesem Jahr noch mit Schranken gesichert.

Gleisplan 1967 (Sammlung Riegel)

Die Straße nach Waldliesborn teilt den Bahnhof in der Mitte. Die Straße wird durch eine Schrankenanlage gesichert, die eine Besetzung des Bahnhofs erfordert. Die Gesamtlänge beträgt zwischen den Ein- und Ausfahrsignalen etwa 1000 Meter, später 1300 Meter. Die Kreuzungslänge beträgt aber nur 80 Meter.

1970, nach Umbau der Schranken auf Blinklichtanlagen, wird das Betriebspersonal abgezogen und der Stückgutverkehr eingestellt.

Wichtige Güterkunden

Molkerei

Im Jahr 1911 wird das Anschlußgleis eingerichtet. In den 20er und 30er Jahren werden täglich 4 Waggons mit 40l Milchkannen beladen und abgefertigt, ebenso bis zu 96 Fass Butter mit je 50 Kg jeden Tag. Nach Informationen aus den Geschäftsberichten der WLE endet der Milchversand mit der Bahn 1932.

1957 wird eine Gemeinschaftsgefrieranlage mit 72 Gefrierfächern eingerichtet. Die  Milchanlieferung beträgt in diesem Jahr 4,5 Mio Kilo Milch, davon die Hälfte Trinkmilch. 1960 beträgt der Gewinn der Molkereigenossenschaft etwas über 9000,- Mark. 1966 endet der Milcheinsammlung mit Pferd und Wagen, ein Sammeltankwagen wird eingesetzt. Ab April 1966 erfolgt der Zusammenschluss mit 4 umliegenden Molkereien zur MIWAG.

1967 erfolgt keine Milchanlieferung mehr nach Liesborn, sondern in eine der MIWAG Molkereien. Das Gebäude wird als Lagerhaus für die landwirtschtliche Genossenschaft und für einen Einzelhandelsladen genutzt. 1969 wird die MIWAG an die Dortmund-Bochumer-Milchversorgung „DOBOMIL“ verpachtet, dieser Name hält sich für das Gebäude noch jahrelang, obwohl keine Milch mehr verarbeitet wird.

Schlachthof – Konserven – Dämmstoffe

Die Großschlachterei Berlinghoff und Nienhaber erhält ab 1912 eine Gleisanschluß als Gleis 4, geht aber 1927 in Konkurs.

Privatwagen am Schlachthof, etwa 1920 (Foto: Liesborner Geschichtshefte)

Zwischen 1937 und 1946 produziert hier das Kemper Werk (s. u.)

Ab 1946 werden die alten Gebäude von der „Obst und Gemüseverwertung Wadersloh – Liesborn“ genutzt. Diese baut 1949 eine Halle für die Trocknung und Konservenproduktion. Obst und Gemüse aus der Warburger Börde mit dem LKW herangefahren. Rüben werden zu getrockneten Rübenschnitzel (Tierfutter) und Rübenkraut verarbeitet, Weißkohl zu Sauerkraut.

Im Jahr 1955 will die Genossenschaft das Trockenwerk erhalten, auch nach wenigen landwirtschaftlichen Erträgen in 2 Überschwemmungs- und 1 Trockenjahren. 1956 pachtet die „Vita-Konservenfabrik Bruno Knappe KG“ das Trockenwerk, 1962 erfolgt der Verkauf des Trockenwerks an die Vita, 1965 muß man Konkurs anmelden.

Empfangsgebäude mit Güterschuppen (rechts, verdeckt) von der Waldliesborner Straße aus gesehen. Der Güterwagen steht auf dem Anschluß, Gleis 4 (Foto: Archiv WLE)

Neben dem Trockenwerk / Vita zieht ab 1949 das Dortmunder Sterchamolwerk auf das alte Schlachthofs Gelände. Es werden zementgebundene Holzwolle-Leichtbauplatten hergestellt, die Hauptabnehmer sind der Ruhrbergbau und Baustoffhandel. 1965 erfolgt die Übernahme durch die „Recozell Leichtbauelemente GmbH“, die Produkte verändern sich auf die Herstellung von Styropor aus einem Rohstoff der BASF. Auch Recotherm, mit Styropor kaschierte Dachpappe wird produziert.

Im März 1972 steht ein Güterwagen im Anschluß Recozell (Foto: Jördens)

1970 wurden die alten Schlachthäuser endgültig abgerissen.

Kemper

Gegründet wird 1912 in Rynern bei Hamm. Erst werden Büromöbel hergestellt, dann wird auch ein Schälwerk für Pappelstämme für die Sperrholz Herstellung eingerichtet. 1937 erfolgt die Umsiedlung in den leerstehende Schlachthof nach Liesborn. Diese Fläche wurde 1946 von der Genossenschaftlichen Trocknung beansprucht (s. o.). Jetzt erfolgt der Umzug an der Landstraße nach Wadersloh. Hier entsteht ein neues Schälwerk, Büromöbel werden keine mehr hergestellt. Im Jahr 1948 sieht der Juniorchef wachsendes Potential an Vorprodukten der Möbelindustrie, besonders Furniere. Nach Abstimmung mit dem Gemeinderat erfolgt am 23. Feb 1953 eine Voranfrage für eine Brachfläche an der Lippstädter Straße mit Möglichkeit eines Bahnanschlusses.

Nach langer Planung und Bauzeit erfolgt 1961 die Verlegung der „Kemper Furnierwerke KG“ an den neuen Standort, hier entsteht ein Sägewerk auch für Tropenholzstämme. Diese kommen per Schiff nach den Nordseehäfen und per Binnenschiff nach Hamm. Ab dort geht es per Bahn nach Liesborn. Die Krananlage am Anschlußgleis ist für 35 to und mehr wiegende Stücke geeignet, es gibt Dämpfgruben und Trockenanlagen. Mehr als 250 Mitarbeitende beschäftigt Kemper in 3 Schichten und ist größter Arbeitgeber vor Ort. Die Aussage beim Jubiläum: „Tägliche Kapazität von so viel Holz, wie ein Güterzug mit 60 Achsen transportieren kann.“ Ab August 1966 wird das dritte Messerwerk eröffnet.

An Schluß des Zuges sind einige Wagen mit Baumstämmen für Kemper zu sehen, Februar 1980 (Foto: Riegel)

Am Jahresende 1970 wird ein bestehendes Furnierwerk im Hamburger Hafen übernommen, 1975 ein nächstes Werk in Belgien. Der Rückgang des Bedarfs ab den 1990er Jahren wegen Kunststoffoberflächen in der Möbelindustrie, bzw dem Ende der Möbelindustrie in Westdeutschland führen auch zur Stilllegung in Liesborn.

Zeitschiene

Old 1926

Der Bahnhof ist betrieblich besetzt, hat Einfahrsignale und einen Schrankenposten. Es verkehren etwa 6 Personenzugpaare täglich und 2 Nahgüterzugpaare. Kreuzungen und Überholungen finden im Bahnhof nicht statt.
Durch die Güterkunden besteht ein guter Ortsladeverkehr. Der Gleisplan kann wie 1903 oder wie in den 1950ern aussehen.

IIIa 1955

Durch den Einsatz neuer Triebwagenzüge ab dem 17. Mai 1953 gibt es mehr Personenverkehr auf der Strecke, sogar Eilzüge von Warstein nach Münster. Etwa 1956 wird der Zugleitbetrieb eingeführt, der Bahnhof blieb aber vorerst wegen der Schrankenanlage besetzt. Neben dem Ortsgüterverkehr gibt es auch auch Steinzüge von Warstein im Durchgang. Kreuzung von Triebwagen erfolgen durch Wegsetzen dieser nach Gleis 2. Ab Sommer 1956 sind nur noch Dieselfahrzeuge an Sonn- und Feiertagen im Einsatz.

Triebwagenersatzzug mit Dampfbespannung, 1969 (Foto: Archiv WLE)

IIIb 1966

Weiterhin viele Triebwagenfahrten, zus. Steinzüge. Neuer Anschluß Kemper. Die Schrankenanlage ist durch eine Blinklichtanlage ersetzt, dadurch nur noch ein Agent am Bahnhof, der Bahnhofswirt.

Letzter Personenzug in Liesborn, VT 1033 mit dem Nt 54, Mai 1975 (Foto: Fiegenbaum, Sammlung Krause)

IV 1972

Personenverkehr wird 1975 eingestellt (s. o.), weiterhin eine tägliche Bedienung im Güterverkehr, viele Steinzüge.

VL 0635 mit der täglichen Übergabe in Liesbron, Februar 1980 (Foto: Riegel)

Zusammenfassung

Bei Liesborn gefallen die vielen Anschlußgleise und deren Möglichkeiten zum Rangieren. Auch die dicht gedrängte Lage der verschiedenen Gebäude rund um den Bahnübergang in km 9,85 und die besondere Blinklichtanlage auf der anderen Seite der Molkerei sind besonders. Schließlich fährt in den Jahren 1965 bis 1972 fast „jede Stunde ein Zug“.

Luftbild 1962 (Sammlung Riegel)

Zum Abschluß eine Übersicht des Empfangsgebäudes aus dem Jahr 1966

Quellen:
Sammlung Christoph Riegel
Archiv WLE, Lippstadt und Soest
FREMO WLE Zoom März 2021

Kerkemeyer, 125 Jahre Bahnhof Liesborn

Kerkemeyer, Liesborner Notizen in Liesborner Geschichtshefte Nr. 36, 2021

Plümpe, Kemper Werke in Liesborner Geschichtshefte Nr. 36, 2021

Rasche, Vita-Sterchamol-Recozell in Liesborner Geschichtshefte Nr. 37, 2022

Diverse Netzfunde